Der Anstieg des Meeresspiegels ist längst keine Theorie mehr – er ist Geografie in Bewegung. Die 17. Jahreskarte–Studie der Società Geografica Italiana mit dem Titel „Paesaggi Sommersi – Geografien der Klimakrise in den Küstenregionen Italiens“ dokumentiert mit wissenschaftlicher Präzision die Zukunft der italienischen Küsten: Bis zu 45 % der Strände könnten bis 2100 verloren gehen oder sich grundlegend verändern.
Im Fokus der Studie stehen die Regionen der oberen Adria, das Po-Delta, Venedig, Kampanien, Sizilien, Sardinien und der Golf von Tarent – Gebiete, in denen Meeresspiegelanstieg, Erosion, Bodenabsenkung und unkontrollierte Bebauung auf ein explosives Gemisch treffen. Die SGI betont, dass „die Klimakrise mittlerweile als Stressmultiplikator wirkt“ und chronische Probleme verschärft, die aus jahrzehntelanger Fehlbewirtschaftung und Übernutzung der Küsten resultieren.
Vom „Küstenproblem“ zur Geografie der Verwundbarkeit
Italien, so die Autoren Filippo Celata und Stefano Soriani, habe seine Küsten durch eine „lange Phase der Urbanisierung und Touristifizierung“ geformt, die den Raum starr und verletzlich gemacht habe. Die alten „Übergangszonen“ zwischen Meer und Land wurden zu festen Linien von Eigentum, Hafenanlagen und Ferienorten. Diese Starrheit stellt laut Bericht das größte Risiko angesichts des bevorstehenden Meeresspiegelanstiegs dar.
Der Rapporto-Karte zufolge sind die verletzlichsten Punkte:
- Die nördliche Adria (Venedig, Ravenna, Triest) gilt als Zone mit der höchsten Wahrscheinlichkeit dauerhafter Überflutungen.
- In Sardinien und Kampanien kombiniert sich Küstenerosion mit Verlust von Sedimenten und unkontrolliertem touristischen Druck.
- In Apulien und um Tarent ist die landwirtschaftliche Produktion durch Bodenversalzung und das Eindringen von Meerwasser in Grundwasserschichten gefährdet.
20 % der Strände bis 2050 bedroht
Die Prognosen der SGI sind alarmierend: Bis 2050 werden 20 % der italienischen Strände verloren gehen, bis 2100 fast 45 %. Mehr als die Hälfte der Hafenanlagen, mehrere Flughäfen und Tausende von Wohnungen liegen in oder neben Hochrisikozonen für Überschwemmungen. Der Bericht prognostiziert, dass „gesteuerte Bevölkerungsumsiedlungen“ und eine grundlegende Überarbeitung der Küstenraumplanung erforderlich sein werden, besonders in Latium, Emilia-Romagna und Sizilien.
Auch die soziale und wirtschaftliche Dimension der Strände verändert sich: Die Autoren warnen, dass sinkende Boden- und Immobilienwerte in Küstenregionen neue Wellen sozialer Ungleichheit auslösen könnten.
Tourismus und „künstliches Meer“
Die Studie widmet dem Küstentourismus ein ausführliches Kapitel, der für die fortlaufende „Künstlichmachung“ der Küstenlinie verantwortlich ist. Die mechanische Pflege der Strände, der Einsatz von Dämmen und „Ripascimento“-Projekte (künstliche Sandschüttungen) schaffen, so die Forscher, „ein Landschaftsbild permanenter Stabilitätsillusion“. Italien importiert inzwischen Sand, um seine touristischen Strände unverändert zu erhalten.
Im gleichen Zusammenhang dokumentiert der Bericht den Konflikt zwischen Ökonomie und natürlicher Resilienz: Jede neue Hafen- oder Industrieanlage verschärft das Sedimentproblem und verstärkt den Bedarf an weiteren Eingriffen. „Ein Teufelskreis des Schutzes, der zerstört, was er retten will“, heißt es im Kapitel über die Adria.
Die „Karte des Untergangs“
Die Kartierungseinheit des Rapporto, erstmals auf nationaler Ebene präsentiert, zeigt mit geospatialen Daten, welche Gebiete unter den Szenarien RCP 4.5 und RCP 8.5 für die Jahre 2050 und 2100 unter den Meeresspiegel fallen werden.
Hochrisikogebiete umfassen:
- Venedig und die nördlichen Lagunen
- das Po-Delta und die Ebenen der Romagna
- die Küstenzone von Kampanien (Caserta, Neapel)
- die Strände der Toskana und von Latium
- Teile Kalabriens und Siziliens
Die Società Geografica empfiehlt statt teurer und starrer technischer Dämme die Umstellung auf „nature-based solutions“ – Wiederherstellung von Feuchtgebieten, gesteuerte Rückverlegung der Küstenlinie und natürliche Anpassung der Siedlungen.




Blaue Wirtschaft oder blaue Illusion?
Im Kapitel zur „Blue Economy“ übt die SGI harte Kritik an der unkontrollierten Energie- und Hafenentwicklung. Zwar werde die Bedeutung erneuerbarer Energien anerkannt, gewarnt wird jedoch vor „neuen Wellen ökologischer Kolonialisierung“, da große Windkraft- und Unterwasserabbauprojekte das Meer in ein Interessengebiet verwandeln. „Meereswirtschaft darf nicht Rückkehr zu den Petroleumscapes bedeuten“, betont Marco Grasso von der Universität Mailand-Bicocca.
Eine Geografie der Verantwortung
Der Bericht schließt mit einem Aufruf zu einem neuen Governance-Rahmen für die Küsten und einer Neudefinition des öffentlichen Raums. „Die Klimakrise ist nicht naturgegeben, sondern sozial – ein Spiegel unserer Entscheidungen“, schreiben die Koordinatoren. Der Rapporto Paesaggi Sommersi fungiert somit nicht nur als wissenschaftliches Dokument, sondern auch als politisches Manifest für eine „Geografie der Verantwortung“, in der Italien seine Küsten neu denken muss, bevor es sie verliert.
Quelle: Società Geografica Italiana, XVII Rapporto – Paesaggi Sommersi: Geografie della crisi climatica nei territori costieri italiani (2025)



















