Europa steht vor einem Jahrzehnt der Unsicherheit und Veränderungen, die die Zukunft des Tourismus bis 2035 maßgeblich beeinflussen werden. Der neue Bericht der European Travel Commission (ETC) mit dem Titel „Futureproofing European Tourism Through Scenario Planning and Strategic Foresight” nutzt die Szenario-Methode, um den Handlungsspielraum der nächsten Jahre zu skizzieren. Dabei handelt es sich nicht um Vorhersagen, sondern um strukturierte Erzählungen, die helfen, mögliche Zukunftsszenarien zu verstehen und die Entwicklung aktueller Trends nachzuvollziehen.
Der Bericht geht von der Feststellung aus, dass die Tourismusbranche in Europa mit einer „Mehrfachkrise“ konfrontiert ist. Klimawandel, geopolitische Spannungen, technologische Umwälzungen, gesellschaftliche Veränderungen und ein Mangel an Arbeitskräften schaffen ein Umfeld ständiger Umbrüche. Nationale Tourismusorganisationen müssen nicht nur aktuelle Herausforderungen meistern, sondern auch zukunftsfähige Strategien entwickeln.
Im Mittelpunkt der Studie stehen sechs große Kräfte des Wandels: die Klimakrise, die Angst vor raschen Veränderungen, die Governance auf europäischer Ebene, der Aufstieg der globalen Mittelschicht, demografische Verschiebungen in der Nachfrage und Herausforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Auf Basis dieser Kräfte hat die ETC vier Szenarien entwickelt.
Die vier Szenarien für die Zukunft des Tourismus
Das erste Szenario lautet „Fragmentiert und vertraut“. In diesem Szenario gelingt es der Europäischen Union nicht, ihre Koordinierungsfunktion zu stärken. Die Nachfrage jüngerer Generationen nach nachhaltigeren Erlebnissen bleibt weitgehend ungenutzt. Der Tourismus basiert weiterhin auf Massenmodellen, große digitale Plattformen dominieren, und kleine sowie mittlere Unternehmen geraten unter Druck. Die Anpassung an den Klimawandel erfolgt nur bruchstückhaft, während lokale Gemeinschaften zunehmend auf den Druck des Overtourismus reagieren.
Das zweite Szenario ist „Koordiniert und vertraut“. Hier verstärken die europäischen Institutionen die Zusammenarbeit und legen neue Regeln für Nachhaltigkeit sowie Besucherlenkung fest. Das System bleibt jedoch im Kern unverändert. Ankünfte konzentrieren sich weiterhin auf bekannte Reiseziele, Erlebnisse bleiben standardisiert, und die Werte der neuen Generation von Reisenden werden zwar formal anerkannt, in der Praxis aber nur eingeschränkt umgesetzt.
Das dritte Szenario heißt „Kollaborativer Wandel“. Das optimistischste Szenario: Die europäische Koordinierung ist stark, und die neuen Generationen treiben den Wandel aktiv voran. Tourismus wird nicht länger über Volumen und Kosten definiert, sondern zu einer partizipativen Erfahrung mit Fokus auf Authentizität, langsame Mobilität, längere Aufenthalte und Mehrwert für lokale Gemeinschaften. Kleine und mittlere Unternehmen stehen im Zentrum der Innovation, Plattformen werden im öffentlichen Interesse neu gestaltet, und politische Maßnahmen werden unter Einbeziehung der Bevölkerung festgelegt.
Das vierte Szenario ist „Unausgewogener Wandel“. Hier verändert die Nachfrage nach nachhaltigen und authentischen Reisen einzelne Regionen, während das Fehlen einer europäischen Gesamtkoordination zu einem ungleichen Bild führt. Einige Gebiete verzeichnen beeindruckende Innovationen und partizipative Modelle, unterstützt durch digitale Instrumente. In anderen Regionen herrschen Überlastung, mangelnde Infrastruktur und Anpassungsschwierigkeiten.
Trotz der Unterschiede gibt es Konstanten, die in allen Szenarien wiederkehren. Kleine und mittlere Unternehmen haben Schwierigkeiten im Wettbewerb, die Nachfrage neuer Reisender wird ungenutzt, Innovationen entstehen, werden jedoch selten skaliert. Die Anpassung an den Klimawandel bleibt unzureichend, und große digitale Plattformen bestimmen weiterhin einseitig die Nachfrage.
Die neun Vorschläge
Auf Grundlage dieser Analyse unterbreitet die ETC neun Vorschläge, die in allen Szenarien als robust gelten:
Der erste Vorschlag sieht eine verstärkte Zusammenarbeit auf transnationaler und lokaler Ebene vor, um Lücken zu schließen und gemeinsam auf Krisen zu reagieren. Der zweite Vorschlag zielt auf die Verringerung des Klimarisikos durch lokale Bereitschaftspläne und Anpassungskonzepte ab. Der dritte Vorschlag betrifft die Einbeziehung der Emissionsminderung in alle Strategien, vom Verkehr bis zur Förderung von Reisezielen.
Der vierte Vorschlag ist die Stärkung kleiner und mittlerer Unternehmen durch Zugang zu Daten, Infrastrukturen und Netzwerken. Der fünfte Vorschlag lautet, erlebnisorientierte und gemeinschaftsbasierte Produkte zu fördern, die Besucher direkt mit dem Reiseziel verbinden. Die sechste Empfehlung zielt auf mehr Transparenz ab, um die tatsächlichen Folgen des Tourismus sichtbar zu machen und das Vertrauen zu stärken. Die siebte Empfehlung betrifft strategische Partnerschaften mit Technologieplattformen, um die Sichtbarkeit hochwertiger und nachhaltiger Angebote zu verbessern.

In ihrer achten Empfehlung schlägt die ETC die Einrichtung eines europäischen Zukunftslabors vor. Dieses soll Anzeichen für Veränderungen beobachten und eine rechtzeitige Anpassung unterstützen. Die neunte Empfehlung konzentriert sich auf die Diversifizierung der Märkte, Tourismusformen und Verkehrsmittel, um die Widerstandsfähigkeit des Systems gegenüber Schocks und Krisen zu erhöhen.
Die zentrale Idee, die sich durch den gesamten Bericht zieht, ist, dass der europäische Tourismus aufhören muss, kurzfristig zu denken, und stattdessen eine Kultur der Prävention, Innovation und Mitgestaltung entwickeln sollte. Die Szenarien sind keine Prophezeiungen, sondern Landkarten, die die Grenzen des Spielfelds aufzeigen, auf dem sich die Branche bewegen kann. Wie die ETC betont, ist die Zukunft nicht vorgegeben, sondern wird durch die heutigen Entscheidungen geformt. In einer Zeit, in der Reisende Qualität, Authentizität und Verantwortung verlangen, werden Reiseziele, die diesen Anforderungen gerecht werden, langfristig attraktiv und nachhaltig bleiben.



















